Das Vorhaben

Früher, als es noch ein Leben außerhalb von Facebook gab und Besitztümer nicht aus virtuellen Möbelstücken im Cyberspace bestanden, gab es Menschen, die sich sinnlose Dinge wie Sportflugzeuge zulegten. Bis vor einigen Jahren waren diese sogar mitunter nützlich, um schnell an sonst schwer erreichbare Orte zu gelangen aber das ist spätestens seit Easyjet & Co und den exorbitanten Kosten für Flugbenzin und Wartung nicht mehr so.

Am wenigsten sinnvoll ist ein Sportflugzeug für Reisen, die mehr als ein paar hundert Kilometer überbrücken und für die es regelmäßige Direktverbindungen mit der Linie gibt. Das perfekte Beispiel stellt die Strecke von Stuttgart nach Hurghada am Roten Meer in Ägypten dar:

  Linienflug Sportflugzeug
Dauer 4,5 Stunden 14 Stunden (2-3 Tage)
Zwischenlandungen 0 3
Kosten 300-600 € viele tausend…
Sicherheit sehr hoch man liest ja andauernd schlimme Dinge
Zuverlässigkeit fast 100% bestenfalls 75% wegen Wetter
Toiletten vorhanden in eine Flasche pinkeln
Boardservice Warmes Essen und Getränke Butterbrote, selbst geschmiert
Besondere Erschwernisse keine Einfluggenehmigungen, Korruption

Wir kamen also zum Schluss, dass El Gouna/Hurghada ein perfektes Ziel für das Sportflugzeug darstellt. Warum El Gouna? Einmal natürlich weil es einer der schönsten Orte der Welt ist und nicht weniger wichtig, steht uns dort ein Ferienhaus zur Verfügung, nur 500m vom Flugplatz entfernt. Eigentlich war das Vorhaben bereits für 2010 mit einem wesentlich weniger leistungsfähigen Flugzeug geplant, aber dann kam bekanntlich die ägyptische Revolution und der Flugplatz war bis Ende 2012 geschlossen.

Ein Flug nach Ägypten bringt einige Schwierigkeiten mit sich und erfordert eine gründliche Vorbereitung. In Europa genießt man vollständige Freiheit mit dem Flugzeug und darf – unter Beachtung der Verkehrsregelungen – frei und ohne Genehmigung umherfliegen.  In den meisten Ländern gibt es eine große Zahl an kleineren Flugplätzen, die von Privatfliegern zu moderaten Kosten angeflogen werden können. Das Privatflugzeug ist in der westlichen Welt prinzipiell mit dem Auto zu vergleichen. In Afrika und damit Ägypten ist es leider nicht so einfach. Die Privatfliegerei ist in Ägypten fast nicht existent, man sieht ganz selten ein paar Jets der oberen Tausend, die von professionellen Piloten geflogen werden. Es gilt also die folgenden Schwierigkeiten zu überbrücken:

  • Einfluggenehmigungen
  • Flugplanung (Routen, Flugpläne, Landegenehmigungen)
  • Verfügbarkeit von Kraftstoff
  • Zugriff auf Mechaniker
  • Exorbitante Gebühren (Abzocke)

Einfluggenehmigungen müssen mindestens zwei Wochen im Voraus über das Verkehrsministerium beantragt werden. Ägypten ist ein enorm bürokratischer Staat und so wundert es nicht, dass man mit einem Stapel an Unterlagen mehrfach persönlich in Kairo aufschlagen muss. Glücklicherweise gibt es mit GASE (General Aviation Support) eine Gruppe von Enthusiasten, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, Ausländern bei Flügen nach Ägypten zu helfen und ihnen die administrativen Tätigkeiten abzunehmen – und das kostenlos! Hinter GASE stehen Ahmed und Eddy. Ahmed arbeitet in der Flugplanung einer Executive Airline und Eddy ist ein in Kairo lebender Brite. Ohne GASE müssten wir auf eine der auf solche Touren spezialisierten Agenturen zurückgreifen, die wiederum lokale Handling-Agenten bemühen und das mit saftigen Preisen garnieren.

Von Ahmed haben wir Zugriff auf die AIP (Aeronautical Information Publication) von Ägypten erhalten, das ist ein weltweit standardisiertes Handbuch mit Informationen zu den lokalen Regelungen, Lufträumen, Routen und Flugplätzen. Einfluggenehmigungen werden wie gesagt im Voraus erteilt und sind an genaue Daten und Routen gebunden. Das Ausarbeiten der Route war nicht ganz einfach, da man in Ägypten gezwungen ist, sich auf Luftstraßen (Airways) zu bewegen und davon nur bestimmte für Ausländer zulässig sind. Wie weltweit üblich muss die erste Landung auf einem Flugplatz erfolgen, der offiziell als Zollflugplatz (airport of entry) zugelassen ist. Unser Zielflugplatz El Gouna besitzt diese Zulassung nicht. Mit Port Said an der Mündung des Suezkanals ins Mittelmeer wurde eine Alternative gefunden.

Die größte Herausforderung ist der fehlende Kraftstoff. Flugbenzin (AVGAS) ist sehr hochwertiger Ottokraftstoff, der mit Blei versetzt ist. AVGAS darf nicht mit dem landläufig fälschlicherweise als "Kerosin" bekannten Jet A-1 verwechselt werden, welches in etwa Diesel entspricht und bei Turbinenflugzeugen zum Einsatz kommt. GASE besitzt Zugriff auf AVGAS, welches in 6th of October (südwestlich von Kairo) vorrätig gehalten wird und für $5,20 pro Liter verkauft wird. Bei einem Verbrauch von 45 Litern pro Stunde ist das ein sehr teurer Spaß! Es gilt also den Spritbedarf in Ägypten möglichst zu minimieren und selbst nach Möglichkeit zusätzlichen Kraftstoff mitzuführen.

Sollten Defekte am Flugzeug auftauchen, so werden speziell ausgebildete und von der Behörde ermächtigte Mechaniker benötigt. In Europa gibt es fast an jedem Flugplatz einen luftfahrttechnischen Betrieb. Über GASE steht uns ein von der amerikanischen FAA zugelassener Mechaniker in 6th of October zur Verfügung und zur Not wird jemand aus Europa eingeflogen.

Bleibt das leidige Problem der verbreiteten Abzocke. Landet man auf einem fremden Flugplatz, so begibt man sich in eine strategisch sehr schlechte Position. Man möchte wieder starten und ist hierfür auf die Zustimmung diverser Personengruppen wie Zoll, Polizei, Flugplatzverwaltung angewiesen. Das weckt in Afrika Begehrlichkeiten, die sich in fantasievollen Rechnungen ausdrücken. Auf jeden Fall werden die Gebühren sehr hoch sein, zwischen 50 € und 200 € pro Landung sind zu erwarten. Mit Hilfe von GASE hoffen wir, von den schlimmsten Forderungen verschont zu bleiben.

Nach ein paar erholsamen Tagen in El Gouna (während der ich Markus zeigen kann, wie man wakeboarded) soll es den Weg wieder zurück gehen. Je nach den auf dem Hinweg gemachten Erfahrungen wird die Route eventuell etwas geändert.

Ein Gedanke zu “Das Vorhaben

  1. … nun, a bissl spinnet woarn’s scho immer, die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten — ich wünsch euch halt viel Spass und ein gutes Augenmass für’s Risiko — und kommt gesund zurück!

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